DATUM

Justine ist seit April 2021 Mitglied des SOS MEDITERRANEE-Such- und Rettungsteams. Im September war sie wieder im Rettungseinsatz mit der Ocean Viking und berichtet von ihren Erfahrungen. In ihrem Tagebuch schreibt sie:

Jeder Handgriff muss sitzen

16. September. „Seit mehr als einer Woche prägen Trainings unseren Tagesablauf. Wir üben unsere Manöver und wiederholen immer wieder dieselben Handgriffe, um sie an verschiedene Situationen anzupassen. Trainings bei Tag und bei Nacht, an Deck und auf See. Tief in mir hoffe ich, dass meine Handgriffe, die ich so oft wiederholt habe, wie von selbst funktionieren werden, wenn das Adrenalin bei Rettungen einsetzt. Denn das müssen sie, wenn sie unter den Besonderheiten und dem Druck der realen Situationen eingesetzt werden.

An Bord des schnellen Beibootes (RHIB) bekommt jeder dieser Handgriffe eine andere Dimension: Wird eine Trage eingesetzt, muss der verfügbare Platz an Deck optimiert werden. Ist eine Wiederbelebung notwendig, dann müssen Seegang und Geschwindigkeit mit einkalkuliert werden. Beim Auswerfen einer Rettungsboje für Personen, die ins Wasser gefallen sind, müssen Windrichtung und Strömung analysiert werden. Beim Ziehen des 16 Meter langen Rettungs-Schwimmkörpers bei voller Geschwindigkeit müssen wir unsere Muskeln anspannen, um das Gewicht halten zu können. All das muss immer wieder geübt werden – bis der Ruf „Bereit zur Rettung!“ wirklich über unsere Funkgeräte ertönt.

Maximale Wachsamkeit

Da das sommerliche Wetter mögliche Abfahrten flüchtender Menschen begünstigt, wissen wir, dass wir ab der Ankunft im libyschen Such- und Rettungsgebiet höchst aufmerksam sein müssen, rund um die Uhr. Die Wachen für die Brücke werden eingeteilt: Von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends werden wir abwechselnd mit dem Fernglas den Horizont nach möglichen Booten in Seenot absuchen. Es sind noch einige hundert Meilen bis zum Such- und Rettungsgebiet. Es bleiben nur noch ein paar Stunden, um Abläufe zu perfektionieren und noch möglichst viel Schlaf zu bekommen.

Auf den beiden Seiten des Mittelmeers

Während dieser Wartezeit sage ich mir, dass wir unter einem seltsamen Spannungsbogen in den Einsatz fahren. Dieser erstreckt sich von einem Ufer des Mittelmeers zum anderen. Auf der einen Seite patrouilliert die Ocean Viking – im Rahmen des internationalen Seerechts handelnd – mit einem einfachen Ziel: Menschen in Seenot zu retten, unabhängig von ihrer Nationalität oder dem Grund ihrer Flucht über das Mittelmeer. Auf der anderen Seite werden Männer, Frauen und Kinder immer wieder in seeuntüchtige Boote gepfercht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Schiffbruch erleiden werden.

Manchmal – um ehrlich zu sein, sogar oft – stelle ich mir vor, wie sie bei Einbruch der Dunkelheit die libysche Küste verlassen. Einige sehen das Meer zum ersten Mal, eine seltsame Begegnung. Andere weigern sich, an Bord zu gehen oder drängeln sich vor, um neben einem geliebten Menschen zu sitzen. Einige klammern sich vielleicht an die Schläuche, die als Rettungsringe verkauft werden, aber keineswegs lebensrettend sind.

Die Suche im Ungewissen

Wir, das Such- und Rettungsteam, das medizinische Personal und die Journalist*innen auf der Ocean Viking, werden ein Gebiet von Tausenden von Quadratkilometern abfahren, das von den Koordinierungsstellen für die Seenotrettung weitgehend ignoriert wird. Wir wissen um die wahrscheinliche Anwesenheit dieser seeuntüchtigen Boote in den Weiten des Mittelmeers. Wir haben jedoch keine Garantie, dass wir bei unserer Suche auf sie stossen werden. Wir hoffen, dass wir diese seenuntüchtigen Boote entdecken, bevor es zu spät ist.

Die Not ist da, mit oder ohne uns. Im zentralen Mittelmeer wartet die Verzweiflung nicht auf die Anwesenheit von humanitären Helfer*innen, um die Menschen aufs Meer zu treiben.“

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Fotonachweis: Giannis Skenderoglou / SOS MEDITERRANEE

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