Logbuch

#40 „Sie verkaufen einen wie Ziegen.“

Mohammed ist 22 Jahre alt. Er floh mit seinem Bruder und zwei Freunden am 23. Juni 2020 aus Libyen. Nachdem er zwei Nächte auf einem überfüllten Holzboot auf hoher See verbracht hatte, wurde er von der Ocean Viking gerettet.

„Mit meinem Bruder blieben wir 20 Monate in Libyen. Wir lebten in der Nähe von Al-Khums. Es war wirklich schrecklich. Dieses Land ist so gefährlich. Es gab sogar den Moment, an dem wir überlegten, zurück nach Pakistan zu gehen, obwohl wir wussten, wie gefährlich dies werden würde. Es ist besser, in der Nähe seiner Familie zu leiden, als weit weg von ihr. Und Libyen war ein ständiges Leiden.

Während der ganzen Zeit, die wir dort verbrachten, arbeiteten mein Bruder und ich jeden Tag von 5 Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang im Baugewerbe. Ich erhielt 80 libysche Dinar pro Tag (53 CHF), und mein Bruder, der mehr Erfahrung hatte, erhielt 120 libysche Dinar (80 CHF Euro).

Kurz vor Ablauf unseres sechsmonatigen Visums zahlten mein Bruder und ich jeweils 2.000 libysche Dinar (insgesamt 1.335 CHF), um unsere Visa zu verlängern. Ich kenne einige Leute, die 3.000 libysche Dinar für ein Visum zahlten, andere zahlten dagegen nur 1.000. Es war günstig – und am Ende erhielten wir gefälschte Visa.

Wären wir mit diesen gefälschten Dokumenten zum Flughafen gegangen, wären wir verhaftet worden und sofort ins Gefängnis gekommen. Dann hätte man uns wieder um mehr Geld gebeten und da wir keins hatten, hätte man uns auf den Märkten der Menschenhändler verkaufen können. Sie verkaufen einen wie Ziegen.

In Libyen sind diese gefälschten Visa üblich. Mit diesen Stempeln kann man in der Stadt herumlaufen, aber man kann nicht in andere Städte und noch weniger ins Ausland reisen.

Die einzige Möglichkeit für uns aus diesem Land zu fliehen war die Flucht mit dem Boot. Es gibt keine anderen Möglichkeiten.

Um nicht in Libyen oder auf dem Meer zu sterben, braucht man viel Geduld und Kraft. Wir dachten, die Reise auf dem Meer würde 24 Stunden dauern, aber wir verbrachten 36 Stunden und waren mitten auf dem Meer verloren. Wenn Sie nicht da gewesen wären, um uns zu retten, wer weiss, was passiert wäre.“

 

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Interview: Laurence Bondard, Communication Officer an Bord der Ocean Viking // Juni 2020
Photo credits: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE