“Von der Ladefläche eines Geländewagens feuerten Soldaten schwere Geschosse auf uns ab”

DATUM

Musse* ist 23 Jahre alt. Er ist geflohen vor dem Krieg in Tigray, Äthiopien. Er hatte nie die Absicht, in Libyen zu enden. Am 31. Juli 2021 wurde er von der Crew auf der Ocean Viking gerettet. An Bord erzählte er unserem Team, was er alles durchgemacht hat seit Kriegsbeginn – von der Flucht vor gewaltsamen Zusammenstössen, davon, dass auf ihn geschossen wurde, wie er seine Freunde an den Krieg verloren hat. «Das Problem in der Region ist ein politisches, es sind nicht die Menschen», sagt er. «Wäre ich geblieben, wäre ich hundertprozentig getötet worden». 

«Ich stamme aus der Region Tigray in Äthiopien. Letztes Jahr, am 4. November, brach ein Krieg aus zwischen der Volksbefreiungsfront (TPLF) auf der einen Seite und den äthiopischen und eritreischen Militärstreitkräften auf der anderen. Eine Woche später fielen die Streitkräfte in mein Dorf im Südwesten der Region ein. Ich lebte im Grenzgebiet zwischen dem Sudan und mit der benachbarten Region Amhara. Seit dem frühen Morgen hielten wir uns in unserem Haus versteckt. Meine Mutter, meine zwei jüngeren Schwestern und mein jüngerer Bruder. Wir hörten draussen die Lastwagen ins Dorf fahren. Eritreische und äthiopische Soldaten rissen die Eingangstüre nieder und feuerten mit Maschinengewehren ins Innere des Hauses. Mein Bein wurde von einer Kugel getroffen. Ich ging zu Boden, ich erinnere mich nur daran, dass meine Mutter schrie. Sie dachten wohl, ich sei tot und liessen mich dort liegen. Sie gingen zum nächsten Haus und töteten die jungen Menschen dort. Sie töten immer junge Menschen – nur weil sie davon ausgehen, dass wir später der TPLF beitreten, und obwohl das überhaupt nicht stimmt.  

Mein jüngerer Bruder hat Erste Hilfe gelernt, er hat mir mein Leben gerettet. Noch am selben Nachmittag hat die Volksbefreiungsfront TPLF die äthiopischen Militärstreitkräfte vertrieben. Sobald wir die Gelegenheit hatten, sind wir geflohen. Ich konnte kaum gehen. Mein Bruder unterstützte mich mit einem Arm, mit dem anderen trug er unseren Koffer. Nach drei Stunden war ich am Ende meiner Kräfte. Wir waren in einer ländlichen Gegend. Wir klopften an die Türe von Unbekannten, sie kochten für uns und gaben uns für eine Nacht ein Dach über dem Kopf. Am nächsten Tag wurden die Kämpfe in der Region noch intensiver, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht gehen. Die Leute, die uns beherbergt hatten, gaben uns ihren Esel, damit ich darauf reiten konnte. So konnten wir weiter.  

Wir schafften es in eine andere Gegend, ebenfalls auf dem Land. Dort konnten wir bei Verwandten unterkommen. Es gab aber weder Medikamente noch ärztliche Versorgung, von Spitälern ganz zu Schweigen. Irgendwann trafen wir auf einen Krankenwagen vom Roten Kreuz, ich konnte mit ihnen mitfahren und sie brachten mich nach Adigrat in ein Spital. Dort blieb ich fünf Tage, bis auch dort die äthiopischen und eritreischen Streitkräfte einfielen. Viele Menschen waren als Binnenflüchtlinge von den ländlichen Gebieten nach Adigrat geflüchtet, unter ihnen auch mein Grossvater. Da ich immer noch nicht gut zu Fuss war, war nicht an Flucht zu denken. Wir mussten uns stattdessen im Keller eines hohen Gebäudes verstecken. Doch das Gebäude wurde auch getroffen. Wir hatten solche Angst! Erst um vier Uhr morgens fassten wir Mut und verliessen das Gebäude und flohen zusammen mit vielen anderen zurück aufs Land. 

An diesem Tag wurden mindestens vier Leute an dieser Stelle getötet. 

Zu dieser Zeit war Tigray bereits völlig unter Kontrolle der eritreischen und äthiopischen Streitkräfte. Ab 18 Uhr galt eine Sperrstunde. Wer dagegen verstiess und erwischt wurde, landete im Gefängnis in Eritrea. Für Menschen aus Tigray warteten dort unterirdische Gefängnisse. Wenn sie mich nach Eritrea gebracht hätten, wäre ich verloren gewesen. Meine Familie hätte nie erfahren, wo ich war. Die eritreischen Streitkräfte sind sehr gefährlich. Schon als ich sehr jung war, herrschte Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea. Damals wurden 265 Leute von meiner Region nach Eritrea verschleppt, ihre Familien wissen bis heute nicht, was mit ihnen geschehen ist. Meine Mutter hat mir diese Geschichte erzählt, sie erinnert sich sehr gut an die Geschehnisse. Also mussten wir wieder um unser Leben rennen. 

Wir wussten, dass in der Stadt Mekelle (Hauptstadt der Region Tigray im äussersten Norden von Äthiopien) internationale Hilfsorganisationen vor Ort waren. Wir glaubten, dass über sie die Berichte über die Grausamkeiten der Streitkräfte an die Weltmedien gelangen würden. Wir dachten, dort wäre es sicherer für uns. Eines Nachts, ich war mit einem Freund am Poolbillard spielen, hörten wir den Lärm von Bomben. Wir rannten nach Hause, obwohl noch nicht Sperrstunde war. Auf dem Heimweg rannten wir direkt in zwei Regierungssoldaten hinein. Sie kamen direkt auf uns zu. Sie feuerten auf uns, aber wir schafften es, ihnen zu entkommen. Am nächsten Tag ging die Bombardierung von Mekelle wieder weiter. Ich war zu dem Zeitpunkt weit weg von meinem Haus und versuchte zu fliehen. Auf einem Geländewagen sassen Soldaten und feuerten mit schwerem Kriegsgeschütz. Genau an der Stelle starben mindestens vier Menschen an diesem Tag. 

An der Universität waren wir eine Gruppe von sechs guten Freunden. Zwei von ihnen sind nun tot. 

Zu dieser Zeit gab es nirgendwo Strom, das Internet war seit Beginn der Kämpfe abgestellt, es gab auch kein Telefonnetz. Jeden Morgen erfuhren wir, dass jemand, den wir kannten getötet worden sei, weil irgend jemand über jemand anderes die Neuigkeiten erfuhr. «Erinnerst du dich an Samari? Sie wurde vergewaltigt. Kennst du Jonas? Er wurde umgebracht.» Jede Unterhaltung lief so ab. Viele meiner Freunde, Leute, mit denen ich an die Universität ging, sind tot. Es schmerzt mich, daran zu denken. Ich bin sicher, ihr habt in den Medien davon erfahren. Sogar ältere Leute werden umgebracht, doch sie haben es vor allem auf junge Leute abgesehen. An der Uni waren wir eine Gruppe von sechs guten Freunden. Zwei von ihnen sind nun tot. Die Mädchen aus unserer Gegend erleben sexualisierte Gewalt. Die denken, dass alle Menschen in Tigray der TPLF angehören, aber das stimmt nicht. Wir hatten alle solche Angst, wir konnten auf keinen Fall bleiben. Wenn ich geblieben wäre, wäre ich hundertprozentig getötet zu werden. Alle in Tigray haben solche Angst. Wenn du einkaufen gehst weisst du nicht, ob du wieder zurück nach Hause kommen wirst.  

Es gab für mich nur die eine Möglichkeit, nach Addis Abeba zu fliehen. Es gab zwei Routen, um von Mekelle nach Addis zu gelangen. Eine führte durch die Region Amhara (Verwaltungsregion im Norden Äthiopiens, westlich von Mekelle) und die andere durch die Region Afar (Verwaltungsregion im Norden Äthiopiens, östlich von Mekelle). Die Truppen von Amhara hassen uns aus Tigray, deshalb entschloss ich mich für Afar. Aber auch dort gab es Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den regionalen Truppen. Ich rief einen Freund an, der in der Region wohnte, aber er riet mir ab, ich solle mich von seiner Gegend fernhalten. Wir schliefen draussen, nur zwei Kilometer von den Kämpfen entfernt. Wir erwischten am nächsten Tag einen Bus nach Addis, doch es gab eine Strassensperre von Milizen, die auf den Bus feuerten. Erst als wir ihnen sagten, wir seien aus Tigray liessen sie uns weiterfahren – sie denken, dass wir den selben Feind haben.  

Meine Mutter ist aus Eritrea, mein Vater ist aus Tigray. Das Problem dieser Gegen ist ein rein politisches, es sind nicht die Menschen dort. Mein Onkel, bei dem ich in Addis Abeba wohnen konnte, ist auch aus Eritrea. Er und mein Cousin wurden zusammen verhaftet und wieder frei gelassen, weil sie nicht aus Tigray stammen. Ich hätte dieses Glück nicht gehabt. Was kann ich also tun? Ich musste mein Land verlassen. Ich floh in den Sudan, in ein Flüchtlingslager. Dort leben etwa 6000 Menschen. Arbeiten konnte ich dort nicht, aber ich musste Arbeit finden – um meine Familie zuhause zu unterstützen. Sie hatten keinen Strom und kein Einkommen. 

Wir flehten die Leute an (…) sie sollen uns gehen lassen, wir wollten zu den Hilfsorganisationen in Tripolis gelangen. Doch sie liessen uns nicht gehen. 

 Ich wollte in die Region von Juba im Sudan und fand jemanden, der mir vorschlug, mich mitzunehmen obwohl ich kein Geld hatte. Er sagte, ich könne ihm das Geld zurückgeben wenn ich Arbeit gefunden habe. Ich stieg in seinen Geländewagen und dachte, wir seien auf dem Weg nach Juba – doch er brachte uns nach Libyen. Sobald wir dort waren, überliess er uns unserem Schicksal und stellte sein Mobiltelefon aus. Und so fand ich mich mittellos in Libyen wieder. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen entfernten Verwandten in Europa anzurufen und ihm meine Situation zu schildern. Er erzählte mir, Libyen sei genauso gefährlich wie Tigray. Er und ein Freund von mir in Grossbritannien sammelten Geld und bezahlten meine Überfahrt über das Meer, um nach Europa zu gelangen. Als ich in Libyen ankam wurde ich zusammen mit vierzig anderen Personen in einen überfüllten Container gepfercht. Dort kriegst du nichts, keine medizinische Versorgung, nichts. Ich habe insgesamt fünf Monate in Libyen verbracht, zwei davon in einem kleinen Container, drei Monate in einer grossen Halle, die wie ein Hangar aussah. 600 bis 700 Menschen waren darin eingepfercht. Fünf Monate lang litt ich Hunger, es gab nicht genug zu essen. Wir flehten die Leute, die uns festhielten an, sie sollen uns gehen lassen, wir wollten zu den Hilfsorganisationen in Tripolis gelangen. Doch sie liessen uns nicht gehen.  

 Als ihr gekommen seid, um uns zu retten, sahen wir ein Metallteil auf einem eurer Rettungsschnellboote, und wir dachten, das sei ein Gewehr. Wir dachten, ihr seid Libyer. Dann winkte euer Freund auf dem Schnellboot und rief, ‘wir kommen um euch zu retten’! Niemand auf unserem Boot verstand ihn, da niemand Englisch sprach ausser mir, also übersetzte ich für die anderen. Das war der glücklichste Augenblick in einer langen Zeit, an den ich mich erinnern kann. Ich fühlte mich wie wiedergeboren. Ihr habt unsere Leben gerettet.» 

*** 

*Der Name wurde geändert, um die Anonymität des Überlebenden zu bewahren. 

Übersetzung: Pascale Navarra 
Photo: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE

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