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Auch im Mittelmeer ist es Winter. Die winterlichen Wetterbedingungen haben einen direkten Einfluss auf unsere Rettungseinsätze und auf die in Seenot geratenen Boote. Die Temperaturen sind tief, die Nächte länger, der Wellengang und der Wind stärker, Stürme treten häufiger auf und sind unberechenbarer. Dennoch fliehen Menschen weiterhin in seeuntauglichen und unstabilen Booten übers Mittelmeer. Die Rettungspraktiken und die Versorgung der geretteten Personen an Bord der Ocean Viking müssen an die komplexen Bedingungen angepasst werden.

Das offene Meer ist gefährlich und Schiffe sind den Wetterbedingungen ausgesetzt. Als sich die Crew Ende Oktober 2021 auf ihren nächsten Einsatz vorbereitete, traf ein mediterraner Wirbelsturm, “Medicane” genannt, auf Sizilien. Dieser verursachte starke Regenfälle und Windböen von bis zu über 100 km/h, die ausserhalb des Hafens von Augusta, wo die Ocean Viking und Dutzende andere Schiffe zwischen dem 26. und 30. Oktober Zuflucht gesucht hatten, bis zu sieben Meter hohe Wellen verursachten und somit den Beginn des Einsatzes verzögerten.

Die Suche

Im Winter werden die Tage kürzer. Dies erschwert die Suche nach Booten, da es nachts auf dem Meer stockdunkel ist. Nur die Scheinwerfer der Ocean Viking und unserer Schnellboote sowie die Helmlampen der Seenotretter*innen geben uns Licht. Die meisten Boote in Seenot haben keine Lichter, nur die zerbrechlichen Lichtkegel der Mobiltelefone können dem Such- und Rettungsteam Lebenszeichen geben. Sie durch ein Fernglas zu sehen, ist eine äusserst schwierige Aufgabe, denn das Meer und der Himmel sind eins, schwarz. Es ist sehr üblich, die sich mit den Wellen bewegenden Lichtpunkte mehrmals oder gar ganz aus den Augen zu verlieren.

Die Sicht ist im Winter viel schlechter, es gibt mehr Wolken, mehr Wellen. Es ist schwieriger, die erste Einschätzung von der Brücke aus vorzunehmen. Wir müssen viel schneller sein, um unsere Rettungsboote ins Wasser zu lassen, und müssen noch mehr auf die Elemente achten, die uns und die Rettungen beeinflussen”, erklärt Anna, stellvertretende Such- und Rettungskoordinatorin auf der Ocean Viking.

Zwei der vier Rettungseinsätze im November 2021 fanden mitten in der Nacht statt, ohne Mond und Sterne. Das erste Boot wurde erst im letzten Moment nur 200 Meter vor der Ocean Viking entdeck. Es hätte katastrophal enden können, wenn Menschen ins Wasser gesprungen wären, um zu versuchen, unser Schiff schwimmend zu erreichen. Dank ihren Trainings waren unsere Teams innerhalb von acht Minuten bereit, die Rettungsboote ins Wasser zu lassen, das Boot zu stabilisieren und die in Not geratenen Menschen zu retten. 45 Personen wurden in nur 50 Minuten gerettet.

Die Rettung

Die Boote, mit denen Menschen in See stechen, haben keinen festen Kiel. Oft sind es einfache Schlauchboote oder zerbrechliche Holzboote unterschiedlicher Grösse. Bei rauer See ist das Risiko, dass sie zerbrechen oder kentern besonders hoch. Im November wurden zwei der Rettungen tagsüber durchgeführt. Zunächst wurden 94 Personen aus einem überfüllten Schlauchboot gerettet. Die Menschen sassen rittlings auf den luftleeren Luftschläuchen, die Struktur des Bootes war verbogen und drohte zu zerbrechen. Der Wellengang war glücklicherweise mässig, wurde aber einige Stunden später stärker, was fatal gewesen wäre, wenn unser Team nicht rechtzeitig vor Ort gewesen wäre. Kurz darauf wurden 105 Menschen aus einem mittelgrossen Holzboot gerettet. Sie waren sowohl auf dem Deck, als auch im Laderaum zusammengepfercht. Das Boot war sehr instabil und hatte eine starke Schieflage. Bei beiden Rettungen mussten die in Seenot geratenen Personen, darunter viele dehydrierte Babys, zunächst auf eine Rettungsinsel und dann auf die Ocean Viking gebracht werden, um zu verhindern, dass das in Seenot geratene Boot zerbricht oder kentert.

Unsere letzte Rettung im November fand mitten in der Nacht statt: 69 Personen befanden sich auf dem Boot. Im zwei Meter hohen Wellengang schaukelte das Boot ständig von Backbord nach Steuerbord. Das Verteilen von Rettungswesten und das Überführen von Personen auf unsere Rettungsboote sind unter diesen Bedingungen eine echte Herausforderung. Jederzeit könnte jemand ins Wasser fallen. Wir haben die sogenannte “Sandwich-Praxis” angewandt, bei der unsere beiden Rettungsboote auf der einen und der anderen Seite des Bootes platziert wurden.

Medizinische Bedingungen

Im tiefsten Winter ist das Wasser nicht wärmer als 13 Grad. Eine Person, die auf offener See ins Wasser fällt, sieht ihre Überlebenschancen in nur wenigen Minuten schwinden. An Bord der seeuntauglichen Boote erhöhen Wind, Dehydrierung, Nahrungsmangel und allgemeine Erschöpfung das Risiko einer Unterkühlung.

Hypothermie ist eine Situation, in der die Körpertemperatur einer Person unter 35 °C liegt. Wenn eine Unterkühlung die Körpertemperatur einer Person auf ein zu niedriges Niveau sinken lässt und nicht schnell genug behandelt wird, kann dies tödlich sein. Auf See sind Säuglinge und Kleinkinder aufgrund ihrer geringeren Fähigkeit zur Selbstregulierung der Körpertemperatur sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen am stärksten davon bedroht eine Unterkühlung zu erleiden.

“Es kann dazu kommen, dass unser medizinisches Team und alle Mitglieder an Bord der Ocean Viking Herz-Lungen-Wiederbelebungsmassnahmen aufgrund von Ertrinken oder extremer Unterkühlung durchführen müssen, da sonst ein Herzstillstand droht. Die Temperatur der Menschen kann auf bis zu 32°C fallen”, sagt Jane, eine Ärztin der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), die als Partner von SOS MEDITERRANEE an Bord der Ocean Viking tätig ist.

Auch Seekrankheit ist durch den höheren Wellengang eine zusätzliche Herausforderung – für Flüchtende sowie unsere Besatzung. Sie kann anstrengend sein und aufgrund des bestehenden Schwächezustands Fälle von Dehydrierung verschlimmern.

Die Betreuung an Bord

“Wenn die Menschen an Bord der Ocean Viking ankommen, sind sie oft erschöpft, ausgelaugt, unter Schock und traumatisiert von dem, was sie in Libyen und auf der Überfahrt gesehen haben. Sie kennen das Meer nicht unbedingt, und es ist schwierig, dieses zum ersten Mal unter winterlichen Bedingungen zu erleben. Ihre unmittelbaren Bedürfnisse sind, an einen warmen Ort gebracht zu werden, ihre nassen Kleider auszuziehen, ihnen so schnell wie möglich etwas Warmes zu trinken und zu essen zu geben, sie mit trockenen Kleidern, Decken und Rettungsdecken zu versorgen, um sie vor Wind, Regen und Kälte zu schützen”, erklärt Riad, Leiter des Care Teams von SOS MEDITERRANEE.

Auf der Ocean Viking können zwei grosse Container, die mit luftdichten Türen verschlossen sind, eine gewisse Anzahl von Menschen vor Regen und Wind schützen. Mit 314 Personen an Bord war die Betreuung im November während der tagelangen Wartezeit auf die Zuweisung eines sicheren Hafens eine grosse Herausforderung.

Im November mussten wir mehrere Stürme überstehen, darunter einen, der mitten in der Nacht vier Meter hohe Wellen verursachte.  Die Ocean Viking ist robust und stabil, aber die Wellen brachen fünf Stunden lang über das Deck herein und durchnässten die geretteten Menschen, fegten ihre Sachen weg und verschlimmerten die Seekrankheit einiger Menschen. Neue Decken, Mützen, Rettungsdecken und trockene Kleidung konnten verteilt werden, obwohl unsere Teammitglieder bei jeder Bewegung auf dem Deck mit der Instabilität zu kämpfen hatten. Unter diesen Bedingungen ist es unmöglich, Tee auszuschenken oder Reis zu kochen, es können nur Notfall-Nahrungsmittelpakete bereitgestellt werden. Am nächsten Tag überfluteten sintflutartige Regenfälle das Deck und verschlimmerten den psychologischen und medizinischen Zustand der Geretteten, bevor sie endlich in Augusta, Sizilien, an Land gehen konnten.

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Text Video und Fotos von Claire Juchat, Kommunikationsverantwortliche auf der Ocean Viking

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