Logbuch

#31 [BORD-TAGEBUCH] „Ich kann nicht aufhören, an sie zu denken…“

276 Menschen, die von unseren Teams im zentralen Mittelmeer gerettet wurden, sind am 23. Februar sicher in Italien an Land gegangen. Die darauffolgende 14-tägige Quarantäne des Schiffes und seiner Besatzung als Präventivmassnahme der italienischen Behörden wurde am 8. März aufgehoben. Laurence Bondard, Communication Officer für SOS MEDITERRANEE, hatte in diesen 14 Tagen Zeit sich das Erlebte und die Erinnerungen an Gespräche mit Überlebenden an Bord der Ocean Viking festzuhalten.

26. Februar 2020 an Bord der Ocean Viking

„Ich kann nicht aufhören, an die Überlebenden zu denken, die wir erst vor wenigen Tagen an Bord hatten. Ihre Traumata, ihre schrecklichen Geschichten von Folter, Erpressung, Gefängnis, sexueller Gewalt, Flucht… Auch ihr Lächeln. Ihre erstaunliche Widerstandsfähigkeit, Stärke, Freundlichkeit und ihre bestärkende Dankbarkeit.

Während wir auf die Zuweisung eines sicheren Ortes warteten, an dem die Menschen von Bord gehen durften, verging kein Tag, an dem die Geretteten mich nicht nach einer Möglichkeit fragten, ihr Telefon aufzuladen und ihre Lieben anzurufen. Einige von ihnen hatten seit Jahren nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen. Sie wussten nicht, wo sie waren, ob sie überhaupt noch lebten – und umgekehrt.

Ich kann nicht aufhören, an Yussif (Name wurde geändert) zu denken, einen 17-jährigen Jungen, mit Augen, weit offen für das Leben. Er sass neben mir auf einem unserer schnellen Rettungsboote, kurz nachdem er aus dem Schlauchboot gerettet worden war. Für den Versuch unter solch schwierigen Bedingungen an ein unerreichbares Ziel zu gelangen, hat er viel zu viel gezahlt. Er war damals „entsetzt“ – ich konnte es sehen und später erzählte er es mir. Mehrmals versuchte ich, ihm in die Augen zu sehen, in der Hoffnung, dass sich meine Ruhe irgendwie auf ihn übertragen könnte. Ich würde lächeln, um ihm zu zeigen, dass wir ihm nicht wehtun würden. Dass wir ihn nicht wie einen „Sklaven“ behandeln würden. Aber er „war zu ängstlich, um uns anzusehen“, erklärte er zwei Tage später. Er wusste nicht, wer wir waren, und hatte gelernt „Fremden zu misstrauen“.

Ich kann nicht aufhören, an die Frauen und ihre Babys zu denken. Diese Frau, die mir erzählte, wie sie in einem libyschen Gefangenenlager mehrere Männer beobachtete, die ein Loch gruben, ein kleines Baby hineinlegten und es mit Sand bedeckten, bis der grösste Teil seines Gesichts verschwand, bevor sie es zu seiner Mutter zurückbrachten. Sie sagte, man wolle sicherstellen, dass sie und alle anderen Frauen verstehen würden, wie grausam sie sein könnten.

Ich kann nicht aufhören, mich zu fragen: Werden in der Zeit, in der keine Rettungsschiffe vor Ort sind, Menschen einfach so ertrinken. Ohne Zeug*innen? Am 9. Februar wurde vor Libyen ein Boot mit 91 Menschen an Bord als vermisst gemeldet. In den vergangenen 24 Stunden wurden laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) etwa 340 Menschen von der libyschen Küstenwache abgefangen und gewaltsam genau dorthin gebracht, was alle Geretteten, mit denen wir sprechen, als „die libysche Hölle“ bezeichnen.

Das zentrale Mittelmeer ist die tödlichste maritime Fluchtroute der Welt. Die Schiffe der Marineoperation Sophia sind komplett verschwunden. Boote voller Menschen könnten ungesehen jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde kentern, auseinanderbrechen oder verschwinden. Jederzeit – selbst, wenn wir im Einsatz sind. Während der Zeit, in der wir an Bord in Quarantäne sind, suchen wir nach Tätigkeiten, die uns beschäftigen und das zu viele Nachdenken im Zaum halten – das ist eine Herausforderung“.