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Anne: „Zum ersten Mal hatten wir als NGO einen winzigen Teil dieser Leere gefüllt.“

April 15, 2026

Anne, die Schiffsärztin, hatte 2016 an unserer allerersten Mission teilgenommen, und seitdem haben ihr Engagement und ihre Menschlichkeit nie nachgelassen.

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Anne: „Zum ersten Mal hatten wir als NGO einen winzigen Teil dieser Leere gefüllt.“

Anne

April 15, 2026

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Erfahrungsbericht von Anne, Ärztin an Bord der Ocean Viking. Im Februar absolvierte sie nach zehn Jahren Engagement ihre letzte Mission mit SOS MEDITERRANEE. Sie war 2016 schon bei der allerersten Mission an Bord der Aquarius dabei, und seither hat ihr Einsatz für Menschlichkeit nie nachgelassen. Bei ihrer letzten Rotation an Bord der Ocean Viking haben wir die Gelegenheit genutzt, ihre Erinnerungen festzuhalten.

Wir waren einerseits schockiert über all das, was wir sahen und was uns diese ersten Überlebenden erzählten; aber auf der anderen Seite hatten wir auch das Gefühl, etwas Aussergewöhnliches vollbracht zu haben. – Episode 1

Ich heisse Anne und ich bin Ärztin an Bord der Ocean Viking. Zusammen mit dem restlichen medizinischen Team kümmere ich mich um die Gesundheit der Geretteten und der Besatzung.  

Als im Februar 2016 die Aquarius zum ersten Mal auslief, war ich bereits an Bord, ganz zu Beginn von SOS MEDITERRANEE. Wir stachen in See - in eine uns völlig unbekannte Situation - um die Lücke zu füllen, die durch den Stopp der Operation Mare Nostrum entstanden war.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Abfahrt aus dem Hafen von Marseille am 26. Februar 2016. Es war ein aussergewöhnlicher Moment; ein Moment in dem wir von Unterstützer:innen und Musik umgeben waren. Wir hatten es geschafft. Endlich würden wir aufbrechen.

Die Begeisterung war enorm, aber es herrschte auch eine gewisse Besorgnis. Wir würden etwas in Angriff nehmen, was wir noch nie gemacht hatten und was noch nie zuvor von NGOs durchgeführt worden war. Wir mussten alles neu erfinden: die Abläufe, die Logistik, die Organisation.  

Die erste Rettung kam nach etwa zehn Tagen des Wartens. In den frühen Morgenstunden vom 7. März 2016, sahen wir nach stundenlanger Suche dieses erste Boot in Not: ein Schlauchboot mit mehr als 70 Menschen an Bord.

 Es war ein äusserst emotionaler Moment. Glücklicherweise war das Meer ruhig und die Rettungsaktion verlief reibungslos. Die ersten Überlebenden kamen an Bord, sie waren unterkühlt, aber wir hatten etwas erreicht. Auch wenn einige Dinge noch nicht perfekt liefen.  

Wir waren einerseits schockiert über all das, was wir sahen und was uns diese ersten Überlebenden erzählten; aber auf der anderen Seite hatten wir auch das Gefühl, etwas Aussergewöhnliches vollbracht zu haben.

Die Ausschiffung auf Lampedusa war kompliziert. Wir hatten eine Verbindung zu diesen Menschen aufgebaut und es war das erste Mal, dass wir eine Ausschiffung miterlebten. Die See war rau, und wir mussten sie auf ein Boot der italienischen Küstenwache bringen. Wir hatten das noch nie getan und mussten es mehrmals versuchen.

Aber am Ende hatten wir es geschafft: Wir hatten sie wohlbehalten in einen sicheren Hafen gebracht. Sie gingen mit ihrer Decke auf dem Rücken an Land. Zum ersten Mal hatten wir als NGO einen winzigen Teil dieser Leere gefüllt. Es war ein Gefühl der Erfüllung.

"Ich bin immer wieder gekommen, Einsatz für Einsatz. Denn die Umstände haben sich zwar geändert, aber Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit bestehen nach wie vor."

Ich bin immer wieder gekommen, Einsatz für Einsatz. Denn die Umstände haben sich zwar geändert, aber Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit bestehen nach wie vor.

Ich hatte mich der Mission von SOS MEDITERRANEE angeschlossen, weil ich schon seit einiger Zeit mit Médecins du Monde auf verschiedenen Migrationsrouten tätig war. Ich hatte gehört, dass die zentrale Mittelmeerroute als eine der tödlichsten gilt und hatte miterlebt, wie die Ostroute zwischen der Türkei und Griechenland geschlossen wurde.

Als ich 2015 Sophie Beau kennenlernte, erzählte sie mir, wie empört sie über das Ende der Operation Mare Nostrum war – eine Empörung, die ich zutiefst teilte. Für mich war es untragbar, auch, weil ich das Meer schon seit jeher liebte. Die Rettung auf See ist für mich eine Notwendigkeit.  Und diese beiden Punkte kamen für mich zusammen und ich sagte zu Sophie: Wenn dieses Schiff ausläuft, werde ich dabei sein.

 Ich bin immer wieder gekommen, Einsatz für Einsatz. Denn die Umstände haben sich zwar geändert, aber Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit bestehen nach wie vor. Die Haltung der Staaten hat sich verändert, doch diese Ungerechtigkeit ist immer noch da. Solange das so ist, müssen wir vor Ort sein. Und ich war von Anfang an dabei. Ich habe nach und nach Erfahrungen gesammelt. Ich wollte weiterhin Teil dieses Teams sein, das genau dort ist, wo man sein muss, um ein kleines Stück Menschlichkeit zu geben.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Lage grundlegend verändert. Am Anfang kamen wir in ein Vakuum: Unser Ziel war einfach, Menschen zu retten und sie sicher an Land zu bringen.  

Dann kamen die Blockaden: abgelehnte Anlandungen, Tage und Wochen auf See ohne Hafen. Das war extrem frustrierend, absurd. Wir waren bei diesen Menschen; wir wussten, was sie durchgemacht hatten, und niemand wollte sie aufnehmen. Das machte uns wütend, und die Überlebenden auch.

Dann wurden die Behinderungen gewalttätiger: die Unsicherheit, die ständige Angst, dass während einer Rettungsaktion die libysche Küstenwache auftaucht. Man achtet nicht mehr nur auf das Boot in Seenot, sondern auf alles drumherum. Die Angst, unterbrochen zu werden; die Angst, dass Schüsse fallen. Das verstärkt die Sorgen, den Frust, die Angst – bei den Geretteten, bei den Rettungsteams und bei mir als Ärztin.

Es ist nicht nur schwierig, an Land zu gehen. Zudem weist man uns auch immer wieder weit entfernte sichere Häfen zu. Das bedeutet, dass wir weit vom Rettungsgebiet entfernt sind.  Und trotz alledem sind wir immer noch da. Am Anfang dachten wir, dass wir nur vorübergehend hier sein würden, um zu zeigen, dass ein Bedarf besteht. Und dass die Staaten dann etwas Wirksames, Organisiertes und Legales auf die Beine stellen würden.

Wir hätten uns nie vorstellen können, dass wir zehn Jahre später immer noch hier sein würden.

Und nicht nur, dass wir immer noch hier sind, sondern dass die Lage sogar noch schlimmer ist als zu Beginn.

"Menschen schweben in Lebensgefahr, wir retten sie aus dieser Gefahr und leisten Erste Hilfe. Das ist meine Aufgabe als Ärztin."

Unter den vielen eindrücklichen Erinnerungen gibt es eine besonders schmerzhafte.  

Im April 2021 erhielten wir einen Notruf. Wir waren weit entfernt und hatten schlechtes Wetter. Die Brücke kontaktierte alle zuständigen Behörden. Doch wir erhielten keine Antwort.  

Wir machten uns zusammen mit einem Handelsschiff auf den Weg.  

Aber als wir ankamen, war es schon zu spät.

Ein Boot und mehrere Schlauchboote lagen gekentert und kopfüber im Wasser. Leichen trieben auf dem Wasser. Dieser Anblick hat uns unglaublich erschüttert. Und die Untätigkeit der Behörden, die eigentlich Hilfe leisten sollten, hat uns so wütend gemacht. Denn diese Menschen hätten dort nicht sterben dürfen. Die Erinnerung an diese Menschen bleibt für immer bei uns.  

Eine andere Erinnerung, die noch nicht lange zurückliegt, ist vom Januar 2026. Wir evakuierten Menschen von einem Handelsschiff, das einige Tage zuvor eine Rettungsaktion durchgeführt hatte. Der Gesundheitszustand der Überlebenden war katastrophal: Sie waren bewusstlos und stark dehydriert. Wir haben einen Notfallplan für Massenunfälle ausgelöst. Es war sehr belastend und beunruhigend.

Aber ein paar Tage später konnten wir in Palermo anlegen. Und da standen sie alle, lächelnd und glücklich darüber, angekommen zu sein. Das war ein echter Erfolg.  

Was für mich bei unserer Arbeit so entscheidend ist, ist die Begegnung. Menschen in einem besonderen Moment ihres Lebens zu begegnen. Die Beziehung ist dann so intensiv, authentisch und tiefgehend. Die ersten 24 Stunden, die Ankunft an Deck, sind voller Emotionen.

Wenn man die gleiche Sprache spricht, ist es noch intensiver. Ich spreche Arabisch und kann mich dadurch mit manchen Menschen austauschen. Aber auch ohne Worte sind diese Begegnungen so intensiv, dass ich immer wieder weitermachen möchte. Es ist eine wahrhaft menschliche Begegnung.

Zu sehen, wie sich ihr Zustand verbessert, wie sie wieder zu sich kommen, sich unterhalten und schon wenige Tage nach ihrer Rettung auf dem Deck spielen – das ist etwas Aussergewöhnliches. Und hinter alledem steht der eigentliche Sinn dessen, was wir tun: etwas Grundlegendes, etwas Wesentliches – etwas zutiefst Menschliches. Menschen schweben in Lebensgefahr, wir retten sie aus dieser Gefahr und leisten Erste Hilfe. Das ist meine Aufgabe als Ärztin. Es gibt nichts Wichtigeres.

All das geschieht mit Hilfe eines eingeschworenen Teams, das sich gegenseitig unterstützt – manchmal nur durch einen einfachen Blick, manchmal durch Humor, der uns hilft, durchzuhalten. All das bewegt mich dazu, immer wiederzukommen und weiterzumachen. Solange es nötig ist – solange es möglich ist.

Fotocredits : Johanna de Tessieres / SOSMEDITERRANEE

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