Einblick in die Mission Albatross: Zehn Monate im Einsatz – 50 Boote in Seenot entdeckt
Mission Albatross: In zehn Monaten hat unsere Crew 50 Boote in Seenot entdeckt, 20 Abfangaktionen durch die libysche Küstenwache dokumentiert und 18 leblos
Einblick in die Mission Albatross: Zehn Monate im Einsatz – 50 Boote in Seenot entdeckt
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Boote entdecken, die vom Schiff aus unsichtbar sind.
Im November 2025 startete SOS MEDITERRANEE gemeinsam mit der Humanitarian Pilots Initiative die Luftbeobachtungsmission Albatross. Das Flugzeug Albatross UNO unterstützt die Arbeit unseres Rettungsschiffes Ocean Viking. Es sucht aus der Luft nach Booten in Seenot und alarmiert die zuständigen Rettungskräfte. Im zentralen Mittelmeer sind viele Boote klein und vom Meer aus schwer zu erkennen. Wenn kein Rettungsschiff in der Nähe ist, kann es deshalb schwierig sein, Menschen in Seenot rechtzeitig zu finden. Die Albatross UNO ist auf Lampedusa stationiert. Das Flugzeug vom Typ Diamond DA42 wird von drei Personen betrieben: einer Person für die taktische Koordination, einer Person für die Überwachung und einer Pilotin oder einem Piloten.
Entdeckt die Crew ein Boot in Seenot, meldet die taktische Koordination den Notfall über einen sogenannten Mayday Relay an die zuständigen Behörden und die Rettungsschiffe in der Region. So erhalten diese möglichst schnell die nötigen Informationen, um das Boot zu finden und die Menschen an Bord zu retten.

50 Notsituationen in zehn Monaten entdeckt
Zwischen November 2025 und August 2026 entdeckte die Crew der Albatross UNO 50 Boote in Seenot mit insgesamt fast 2'300 Menschen an Bord. Bei der Hälfte dieser Boote folgte auf die Alarmierung eine Rettung durch Schiffe vor Ort.
Die Zahlen zeigen, wie wichtig die Suche aus der Luft ist. Die Albatross UNO kann Boote entdecken, bevor sie von einem Rettungsschiff gesehen werden. Dadurch können die Rettungskräfte schneller alarmiert werden und Menschen in Seenot möglicherweise früher Hilfe erhalten.
Abfangaktionen durch die libysche Küstenwache dokumentieren
Die Mission Albatross macht auch sichtbar, was abseits der Rettungseinsätze auf dem Meer geschieht. In zehn Monaten dokumentierte die Crew 20 Abfangaktionen durch die libysche Küstenwache. Ohne unabhängige Beobachtung würden solche Ereignisse möglicherweise unbezeugt bleiben. Die Aufnahmen und Beobachtungen der Crew helfen dabei, festzuhalten, was auf See passiert. Die Abfangaktionen sind oft gefährlich und teilweise gewaltsam. Die Europäische Union unterstützt und finanziert die libysche Küstenwache, damit diese Boote abfängt und die Menschen nach Libyen zurückbringt. Das ist besonders problematisch, weil Libyen kein sicherer Ort für die Ausschiffung von Menschen ist, die auf See gerettet wurden. Viele Menschen fliehen vor Gewalt, Misshandlungen und anderen Gefahren in Libyen. Werden sie dorthin zurückgebracht, sind sie diesen Gefahren erneut ausgesetzt.
Für SOS MEDITERRANEE gehört es deshalb zur Arbeit, solche Einsätze zu dokumentieren. So können wir zeigen, welche Folgen die europäische Migrationspolitik für Menschen im zentralen Mittelmeer hat.

Bezeugen, was auf dem Meer geschieht
Die Mission Albatross hilft nicht nur dabei, Boote in Seenot zu finden. Sie zeigt auch, was im zentralen Mittelmeer geschieht: Boote in Schwierigkeiten, Abfangaktionen durch die libysche Küstenwache und Menschen, die auf See sterben. Zwischen November 2025 und August 2026 entdeckte die Crew der Albatross UNO auch 18 leblose Körper an der Meeresoberfläche. Hinter jedem dieser Menschen steht eine eigene Geschichte. Die gefundenen Körper zeigen auf tragische Weise, was passieren kann, wenn Menschen in Seenot nicht rechtzeitig entdeckt und gerettet werden.
Retten, Schützen und Bezeugen: Diese drei Aufgaben gehören zur Arbeit von SOS MEDITERRANEE. Mit der Albatross UNO führen wir sie auch aus der Luft fort. Die Mission ergänzt die Arbeit der Rettungsschiffe und hilft dabei, Menschen in Seenot schneller zu finden.
Doch die Arbeit endet nicht mit der Suche. Wenn Menschen abgefangen werden oder auf See sterben, ist es wichtig, diese Ereignisse festzuhalten. So bleiben sie sichtbar und geraten nicht in Vergessenheit.

FOKUS AUF DEN FALL ADC056
27. April 2026: Ein Handelsschiff übergibt 45 Menschen an die libysche Küstenwache
Am Abend des 26. April meldete Alarm Phone ein Boot in Seenot. Die Organisation informierte die zuständigen Behörden und Schiffe in der Region. Die Ocean Viking reagierte auf den Alarm und begann mit einer Suche nach dem Boot.
In den frühen Morgenstunden des 27. April entdeckte die Crew der Albatross UNO den Tanker DOENICKE TIDE unter liberianischer Flagge. Das Handelsschiff befand sich in der Nähe eines Schlauchboots, bei dem es sich um das gemeldete Boot in Seenot handeln könnte. Die Crew der Albatross UNO versuchte vergeblich, das Handelsschiff und die nahegelegene Bouri-Plattform per Funk zu erreichen. Sie beobachtete, wie 45 Menschen an das Patrouillenboot Nr. 654 der libyschen Küstenwache übergeben wurden. Aus dem Funkverkehr des Handelsschiffs ging hervor, dass sich unter den 45 Menschen vier Frauen und sieben Kinder befanden. Zudem war eine Person gestorben. Die Übergabe führte dazu, dass die Überlebenden nach Libyen zurückgebracht wurden. Diese Rückführung war völkerrechtswidrig. Die Vereinten Nationen halten seit Langem fest, dass Libyen nicht als sicherer Ort für die Ausschiffung von Menschen nach einer Seenotrettung gilt.
Laut dem Projekt «Vermisste Migrantinnen und Migranten» der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden elf weitere Menschen vermisst, die sich ebenfalls an Bord des Bootes in Seenot befunden hatten. Sie verschwanden, bevor das Handelsschiff erreicht wurde. Der Fall zeigt, warum die Beobachtung aus der Luft wichtig ist: Sie ermöglicht es, Ereignisse auf See festzuhalten, Menschenrechtsverletzungen sichtbar zu machen und Zeugnis abzulegen.
Bilder: Camille Martin Juan / SOS MEDITERRANEE
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