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Rajan - „Ich habe alles hinter mir gelassen, damit meine Familie in Sicherheit leben kann.”

July 15, 2026

Als Rajan in Libyen in ein überfülltes, kaum seetüchtiges Boot stieg, hatte er nur ein Ziel: zu überleben, um eines Tages seine Familie wiedersehen zu könn

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Rajan - „Ich habe alles hinter mir gelassen, damit meine Familie in Sicherheit leben kann.”

Rajan

July 15, 2026

Heimatland

Bangladesh

Rettungsdatum

February 23, 2026

Alter

25

Als Rajan in Libyen in ein überfülltes, kaum seetüchtiges Boot stieg, hatte er nur ein Ziel: zu überleben, um eines Tages seine Familie wiedersehen zu können.  

Rajan ist ein hinduistischer Landwirt aus Bangladesch. Bangladesch ist ein ethnisch relativ homogenes Land, dessen Bevölkerung überwiegend bengalischer Herkunft ist. Gleichzeitig leben dort verschiedene Religionsgemeinschaften: Die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch, vor allem sunnitisch, während eine kleine Minderheit – etwa 9% – dem Hinduismus angehört. Obwohl Bangladesch offiziell ein säkularer Staat ist, ist der Islam die Staatsreligion. (1)

Rajan erzählte uns, dass diese beiden Religionsgemeinschaften nicht friedlich zusammenleben, sondern dass hinduistische Familien seit langer Zeit verfolgt werden. Schon in seiner Kindheit war seine Gemeinschaft Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, aber in den vergangenen Jahren wurden diese Übergriffe immer schlimmer. Letztlich war es so schlimm, dass ein Mann aus seinem Dorf, ein enger Freund, von religiösen Extremisten bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Dieses Ereignis war für Rajan so einschneidend, dass es seinen weiteren Lebensweg bestimmte.  

Aus Angst um sein eigenes Leben traf Rajan eine unmögliche Entscheidung: Er musste seine Heimat, sein Land und seine Vergangenheit hinter sich lassen. Er erzählte uns, dass seine Frau, sein zehn Monate alter Sohn und seine Eltern in Bangladesch zurückblieben; und dass sie aus Sicherheitsgründen praktisch in ihrem Haus eingeschlossen sind und sich nicht mehr frei bewegen können.

Rajan erzählte uns auch, dass es unmöglich gewesen sei, in einem Nachbarland Schutz zu finden. Nach seiner Erfahrung nimmt Indien, trotz einer grossen hinduistischen Bevölkerung, keine hinduistischen Menschen aus Bangladesch mehr auf. Und tatsächlich wurden zwar verschiedene politische Massnahmen ergriffen, um die hinduistische Gemeinschaft in der Region zu unterstützen – etwa der Citizenship Amendment Act, der 2019 in Indien verabschiedet wurde und die Einbürgerung von Hindus erleichtern sollte, die vor 2014 nach Indien eingereist waren. Aber dennoch ist die Einreise nach Indien weder einfacher noch sicherer geworden. (2)

Da Rajan in den Nachbarstaaten seines Landes keinen Schutz finden konnte, versuchte er schliesslich alleine nach Europa zu gelangen. Er hoffte, dass er dort in Sicherheit wäre und eines Tages seine Familie nachholen könnte. Für viele Menschen aus Bangladesch scheint Europa ein naheliegendes Ziel zu sein – nicht nur wegen der grossen bangladeschischen Diaspora, sondern auch wegen der vergleichsweise besseren Möglichkeiten zur Familienzusammenführung. (3)

Rajan begab sich auf einen langen Weg, der ihn schliesslich nach Libyen führte. Innerhalb der libyschen Schleuserökonomie gelten bangladeschische Migrantinnen und Migranten als „Gold“, da ihre Familien als besonders zuverlässig gelten, wenn es um die Zahlung von Geldforderungen geht. In diesem System versuchen alle beteiligten Personen Geld zu verlangen – sei es für angebliche „Sicherheitsgebühren“, „Verpflegungskosten“, „Genehmigungen für die Küste“ oder Lösegelder. Die Grenzen zwischen Schleusung und Menschenhandel sind dabei fliessend und je nach Zahlungsverzug, Festnahme oder wachsender Verschuldung geraten Menschen häufig von dem einen ins andere System. (4)

Letztlich wagte Rajan die Überfahrt über das Mittelmeer auf einem seeuntauglichen Boot. Unsere Teams retteten ihn am 23. Februar mit der Ocean Viking. Rajan hatte das Glück, gerettet zu werden – viele andere haben es leider nicht.

Menschen aus Bangladesch gehörten zwischen 2019 und 2022 zu den am häufigsten aufgegriffenen Nationalitäten auf der zentralen Mittelmeerroute. Im Jahr 2022 wurden 4‘451 Personen aufgegriffen und nach Libyen zurückgeführt – mehr Menschen als von jeder anderen Nationalität in diesem Jahr. Dabei ist wichtig zu betonen, dass dies keine Rettung darstellt. Eine Rettung endet erst dann, wenn gerettete Menschen an einem sicheren Ort an Land gehen können - einem Ort, an dem ihr Leben nicht mehr bedroht ist. Diese Voraussetzung erfüllt Libyen aufgrund der dort weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen nicht. Viele der zurückgeführten Migrant:innen  werden wieder an Mittelsmänner entlang der westlibyschen Küste übergeben, die weitere Zahlungen für ihre Freilassung oder die Fortsetzung ihrer Reise verlangen.  

Trotz dieser Rückführungen gehört Bangladesch seit 2022 regelmässig zu den drei häufigsten Herkunftsländern von Menschen, die Italien auf dem Seeweg erreichen. 2024 und 2025 stand das Land sogar an erster Stelle. Im Jahr 2023 kamen Bangladescher:innen, die Italien erreichten, fast ausschliesslich via Libyen. 2024 wurden in Italien – dem wichtigsten Zielland – 33'390 Asylanträge von Menschen aus Bangladesch gestellt. Die Anerkennungsquote lag bei etwa 4 %. (5)

Auch unsere Einsätze spiegeln diese Entwicklung wider: 2025 rettete die Ocean Viking insgesamt 1‘358 Menschen - darunter 340 aus Bangladesch. Und auch in den ersten Monaten 2026 haben wir bereits 353 Menschen aus Bangladesch in Sicherheit gebracht – es ist mit Abstand die grösste Gruppe unter den Geretteten. (6)

Rajans Geschichte ist einzigartig. Und doch steht sie stellvertretend für die Realität vieler Frauen, Männer und Familien, die vor Gewalt und Verfolgung aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit fliehen oder aber ihre Heimat verlassen, weil ihnen angesichts einer instabilen Wirtschaft jede Zukunftsperspektive fehlt.

Quellen:

(1) CIA World Factbook; Demographics Wikipedia (Volkszählung 2022).

(2) Supreme Court Observer Citizenship Amendment Act - Supreme Court Observer

(3) MMC-Bericht, März 2026 (Abschnitte 5.1 und 5.2, qualitative Interviews).

(4) MMC-Bericht, März 2026 (Abschnitte 6.4–6.7 und 7.1–7.2).

(5) MMC-Bericht, März 2026 (Abschnitte 6.6, 6.7 und 9.1); DTM-Daten der IOM, italienisches Innenministerium, EUAA.

(6) SOS MEDITERRANEE.

Fotocredit: Ville Maali, Marie Tihon, Tess Barthes / SOS MEDITERRANEE

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