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Zeineb*: „Ich kann das Meer nicht mehr sehen.“‍

March 9, 2026

Als das kleine Boot, auf das Zeineb* gezwungen worden war, kenterte, konnte sie sich nur noch auf ihren Mut verlassen, um zu überleben.

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Zeineb*: „Ich kann das Meer nicht mehr sehen.“‍

Zeineb

March 9, 2026

Heimatland

Mali

Rettungsdatum

November 15, 2016

Alter

19

Zeineb* war auf ein notdürftiges Boot gezwungen worden. Als es kenterte, konnte sie sich nur noch auf ihren Mut verlassen, um zu überleben.   Ihre Geschichte stammt aus dem Buch Les Naufragés de l'enfer (Die Schiffbrüchigen der Hölle) und wurde 2016 an Bord der Aquarius von Marie Rajablat, einer psychiatrischen Krankenschwester, aufgezeichnet. In ihrem Buch lässt sie die Stimmen dieser Frauen mit ihren unglaublichen Migrationsgeschichten hören; Stimmen, die allzu oft zum Schweigen gebracht werden.

„Ich kann das Meer nicht mehr sehen“

‍Zeineb* (…) war auf einem Boot, mit dem 90 Menschen auf See ums Leben kamen. Sie ist 19 Jahre alt und die einzige Frau, die überlebt hat. Zeineb wurde vor einigen Jahren zwangsverheiratet und war irgendwann gezwungen, vor den Misshandlungen ihres Mannes zu fliehen. Sie brach mit ihrer Freundin Fatiah auf, deren Mann im Sommer zuvor in Italien angekommen war.

„Von Anfang an sagten die Leute, dass wir mit diesem Boot nicht fahren können. Der Motor machte seltsame Geräusche und am Boden war Wasser. Aber sie haben uns geschlagen und ins Boot geworfen. Es gab kein Zurück. Wir fuhren in der Nacht los, gegen Mitternacht oder ein Uhr morgens. Es war sehr windig. Das Wasser stieg immer höher. Die Menschen im Boot hatten Angst. Einige schrien, andere riefen nach Gott. Die Männer sagten, wir sollten uns nicht bewegen, um das Boot nicht zum Kentern zu bringen. Das ging lange so, vielleicht zwei oder drei Stunden, ich weiss es nicht.

Dann wurden die Wellen stärker und das Boot kenterte.

Die meisten konnten nicht schwimmen. Das Boot wurde vom Wind weggetrieben. Die Menschen klammerten sich aneinander. Alle schrien. Das Boot entfernte sich immer weiter. Ich weiss nicht mehr, wie ich es geschafft habe, das Boot einzuholen. Ich kann nicht schwimmen. Einige Männer drehten das Boot um und kletterten hinein, aber sie hinderten die anderen daran, sich auch ins Boot zu ziehen. Die beiden Frauen, die du mir vorhin auf den Fotos gezeigt hast, hatten es an Bord geschafft aber die Männer stiessen sie zurück ins Wasser. Deshalb sind sie ertrunken. Und als ich es geschafft hatte, mich an den Seilen festzuhalten, stiessen sie mich ebenfalls zurück.

Dann kam das Rettungsboot und warf uns Rettungswesten zu. Und auch da verhinderten die Männer, dass wir sie auffingen. Also klammerte ich mich an den Rücken eines Jungen im Wasser, weil er eine Weste hatte, und man holte mich heraus.“

Zeineb erzählte mir in einem Zug und mit monotoner Stimme von ihrem Kampf. Sie hatte keine Angst, denn um zu überleben, muss man seine Gefühle unterdrücken:

Wenn du Angst hast, stirbst du“, fügt sie hinzu.

Ihr Gesicht ist verschlossen. Ihr Körper ist hart wie Stein. Ich weiss nicht, woher sie die Kraft genommen hat, mir all das zu erzählen. Wie alle, deren Reise tödlich endete, sieht sie die Gesichter der Menschen, die um sie herum ertrinken. Egal ob sie die Augen schliesst oder nicht, sie hört sie ihre letzten Worte schreien…

„Ich kann das Meer nicht mehr sehen.

Und tatsächlich hat sie die Frauenunterkunft auf dem Schiff kein einziges Mal verlassen. Sie blieb während der gesamten Reise zusammengekauert sitzen. Denn wenn sie an Deck gegangen wäre, wäre sie vielleicht genau den Männern begegnet, die versucht hatten, sie zu ertränken - und andere ertränkt hatten...

*Der Vorname und das Foto wurden geändert, um die Anonymität der Person zu wahren.

Crédit photo : Kenny Karpov / SOS MEDITERRANEE

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